Hexenpost

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Wiederkehr

 



Hier war sie nun, am Ziel der letzten drei Monate, in denen sie ständig umhergereist war mit wallenden Kleidern und langen braunen Haaren. Immer weit weg, weit weg von allen, die sie kannten. Diesmal würde er sie nicht finden!
Im Juni hatte sie bis zum Jahresende unbezahlten Urlaub genommen in der Klinik, in der sie in den letzten drei Jahren gearbeitet hatte - als Luna Schwarz. Einen Namen, den er hoffentlich nie mit ihr in Verbindung bringen würde. Sie verdankte ihn ihrer Eheschließung mit Katja, die er nicht kannte und die immer hinter ihr stehen würde. Dem Himmel sei dank, dass sich inzwischen auch Frauen heiraten durften! Auch wenn das, was sie beide zusammenhielt, schwerlich als Ehe interpretiert werden konnte. In dieser Hinsicht hatte die Gesetzgebung viel erreicht. Doch das Patriarchat mit seiner Unterdrückung von Frauen war hier weiterhin mächtig. Sie wusste es zu gut!
Sie stellte ihren Rucksack ab und klappte die Fensterläden auf. Der Mond schien über die kleine Lichtung und tauchte das Innere der Jagdhütte in ein mystisches Licht. Hell genug für ihr Vorhaben. Luna atmete tief ein und genoss den Moment der Ruhe. Dann machte sie sich an die Vorbereitungen. Aus der Quelle vor der Hütte holte sie Wasser, kochte es auf dem Petroleumkocher und goss es in die Thermoskannen, die auf der Anrichte bereit standen.
Jutta hatte keine Fragen gestellt, als sie darum gebeten hatte, die Hütte ihres Vaters im September ungestört nutzen zu können. Vor vielen Jahren hatten sie hier so manches Wochenende gemeinsam verbracht, weit weg von Strom und fließendem Wasser, das Plumpsklo 20 Meter entfernt, und sich mit dem versorgt, was sie mitgebracht hatten und im Wald gefunden hatten. Der Schlüssel hatte draußen auf dem Fensterbalken bereit gelegen. Jetzt verschloss sie die Tür von innen. Schon wieder durchfuhr sie ein Schmerz. Sie stützte sich auf den Tisch, atmete tief ein und aus. Dann legte sie die restlichen Sachen bereit: Die vorbereiteten Mülltüten auf den Boden, Schere und Klammern auf den Tisch, Schlafsack und Kissen auf die Eckbank.
Es wird alles gut gehen, sagte sie sich.
Nicht wie letztes Jahr an Weihnachten! Das war das erste Mal in den letzten Jahren gewesen, dass sie es gewagt hatte, ihre Mutter zu besuchen. Hätte sie es besser nicht tun sollen? Nein, es ist alles gut, so wie es kommt, dachte sie.
In die Christmette war sie gegangen. Rein aus Sentimentalität, nicht, weil sie sich noch etwas aus der Kirche machte oder gar an das glaubte, was hier zelebriert wurde. Ganz hinten hatte sie gesessen, dick angezogen, einen Schal über ihrem kurz geschnittenen, blond gefärbten Haar und eine große Brille mit breitem Rand. Niemand schien sie zu erkennen. Aber sie erkannte sie fast alle. Vor allem ihn, ganz vorn in der zweiten Reihe, mit Inbrunst alles mitbetend. Was für ein Heuchler! Andererseits – er war überzeugt von dem, was er glaubte und machte.
Auch er hatte sie erkannt. Das aber hatte sie erst später gemerkt, als er ihr gefolgt und sie in den Wald gezerrt hatte. Zu stark war er, da half alles Wehren nichts. Sie wusste es zu gut. Schließlich war sie mit ihm verheiratet gewesen. Und für ihn war sie das noch immer. Auch wenn die Scheidung längst vollzogen war und sie ihn wegen der Misshandlungen angezeigt hatte. Genutzt hatte es nicht: Beweise dafür konnte sie keine vorweisen. Ihr Wort stand gegen seins. Auch die Unterstützung ihrer vielen Bekannten hatte nicht geholfen.
Was er jetzt mit ihr machte, fühlte sie nicht: Sie betrachtete das Geschehen von oben, wartete ab, bis er fertig war. Und bemerkte dabei eine andere, strahlende Präsenz, die sie mit Heiterkeit erfüllte – trotz allem, was da unten mit ihrem Körper geschah.
Und nun ist es Zeit für dich, geboren zu werden, dachte sie. Es würde alles gut gehen. Sie hatte schon viele Kinder auf die Welt geholt. Fast immer hatte sie richtig gelegen, wenn es darum ging, Probleme frühzeitig zu erkennen. Nur bei ihrem Sohn war es anders gewesen. Er hat sich rechtzeitig entschieden, umzukehren, dachte sie. Gut so, denn mit solch einem Vater hätte er es mehr als schwer gehabt. Als Sechs-Monats-Kind war er tot geboren worden. Und von da an hatte er sie erst richtig gehasst. Wie konnte sie bei der Partnerwahl nur so daneben gegriffen haben?
Egal jetzt – dieses Kind würde vor ihm verschont bleiben. Dafür hatte sie bisher alles getan und würde es auch weiterhin tun. Niemals würde er erfahren, dass er ein Kind hatte. Denn dann könnte er seine Rechte geltend machen!
Mit jeder neuen Wehe atmete sie tief in ihren Bauch. Es schien jetzt kaum noch Pausen zu geben. Der Muttermund war schon halb geöffnet gewesen, als sie die Hütte erreicht hatte, und nun war es so weit. „Pressen“ hörte sie dann auch, von wem auch immer. Es schien ein ganzer Chor zu sein. Die Hütte war belebt mit unzähligen helfenden Seelen, das spürte sie. Wie behütet ihre Tochter geboren werden konnte!
Schon nach dem dritten Pressen konnte sie das Köpfchen fühlen, und mit der vierten Wehe glitt alles aus ihr heraus. Das Neugeborene fing sie auf, dann schwappte das Fruchtwasser über den Boden. Eine Welle von Erleichterung durchfuhr sie. Sanft streifte sie die Fruchtblase vom Körper ihrer Tochter. Eine Glückshaube, was für ein Omen! Die Kleine stieß sofort einen empörenden Schrei aus. Oder war es ein Willkommensruf? Den Rest erledigte sie wie in Trance.
Der folgende Tag gehörte ganz ihnen beiden. Und das war gut zu. Vielleicht musste es der einzige gemeinsame Tag ihres Lebens sein.
Abends zog sie ihrer Tochter den Strampler mit „Mommy’s girl“ an und band das goldene Armband mit dem „Maya“- und dem Herzanhänger um. Ihre Tochter sollte später wissen, dass ihre Mutter sie geliebt hatte. Vielmehr konnte sie nicht tun. „Maya, 21.9., 4.44 Uhr“ schrieb sie noch auf eine Karte. Und dann machte sie sich auf den kleinen Pfad zurück zum Mietwagen.
Aufräumen und ihre Sachen holen würde sie später.
Sie kannte die Babyklappe. Und sie wusste auch, wer diese heute betreute, und dass das Kind zu Hannah kommen würde. In ihren Träumen hatte sie sich mit der jungen Bereitschafts-Pflegemutter ausgetauscht. Diese würde nie verraten, welche Ahnungen sie über Mayas Herkunft hegte, und auch künftig für das Mädchen sorgen.
Sie wusste genau, dass man Nachforschungen anstellen würde, anstellen musste. Obwohl jede Frau ihre Gründe hatte, die ihr Kind hier in Obhut gab.
Maya machte ihr den Abschied leicht – sie schlief, zum ersten Mal richtig tief seit der Geburt. Ein Engelslächeln umspielte ihre Lippen. „Leb wohl“ flüsterte Luna ihr zu, ehe sie sie vorsichtig ablegte und dann schnell fortging.
Eine Woche verbrachte sie noch in der kleinen Jagdhütte. Dann ging es in ihr altes Leben zurück. Weg mit der Langhaar-Perücke, zurück zu den kurzen Haaren, die jetzt gar nicht mehr so kurz waren, und im Januar dann zurück auf die Geburtsstation ihrer alten Klinik.
An Weihnachten fuhr sie wieder in ihre Heimat. Das wird er mir nicht nehmen, dachte sie.
Zur Kirche ging sie diesmal nicht. Dennoch schien er zu spüren, dass sie da war.
Als sie im Wald spazieren ging, knackte es mehrfach hinter ihr. Sie drehte sich um, sah aber nichts. Dann spürte sie einen Schlag: „Jetzt hab ich dich, Lena! Du wirst mich nicht mehr verhexen!“, hörte sie ihn brüllen.
Alles in ihr schien zu brennen. Sie sah sich im Feuer auf einem mittelalterlichen Dorfplatz, in einer lodernden Waldhütte, vom Rauch umnebelt in Delphi, brennend auf dem Machu Pichu, und schließlich in Felle gehüllt tanzend um das Feuer vor einer Höhle…
Die Menschen scheinen nicht besser zu werden. Vielleicht sollte ich nächstes Mal ein anderes Leben wählen. Aber als was könnte man mehr bewirken als als Mensch?, dachte sie noch.
Drei Wochen später sah Hannah zwei Streifen auf ihrem Schwangerschaftstest. Du wirst ein Schwesterchen bekommen, flüsterte sie Maya zu...

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